Ein Spaziergang zu den schönsten bemalten Fassaden im Ort — Pilatushaus, Forsthaus und mehr. Wer durch Oberammergau schlendert, braucht kein Museum zu betreten, um auf Kunst zu stoßen: Sie hängt buchstäblich an den Hauswänden. Ganze Fassaden verwandeln sich in gemalte Säulen, Balkone und biblische Szenen – eine Tradition, die den Ortskern bis heute prägt und weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt gemacht hat.
Lüftlmalerei bezeichnet die kunstvolle Außenbemalung von Hausfassaden, die vor allem in Oberbayern und Tirol verbreitet ist. Charakteristisch ist die gemalte Scheinarchitektur: Säulen, Fensterrahmungen, ganze Balkone, die täuschend echt wirken, obwohl sie nur aus Farbe bestehen. Inhaltlich dominieren religiöse Szenen mit Symbolwert, gelegentlich ergänzt um Hinweise auf Namen und Beruf der einstigen Hausbesitzer. Die technischen und stilistischen Impulse für diese Kunstform kamen ursprünglich aus dem Italien der Renaissance – über die alte Rottstraße, auf der Oberammergauer und Mittenwalder Fuhrleute jahrhundertelang das alleinige Transportrecht zwischen Tirol und Schongau besaßen, gelangte nicht nur Wohlstand, sondern auch kultureller Austausch ins Ammertal.
Woher der Name "Lüftlmalerei" selbst stammt, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Interessanterweise wurde der Begriff erst zwischen 1930 und 1950 gebräuchlich – zuvor sprach man schlicht von Fresko- oder Fassadenmalerei. Zwei Erklärungen kursieren: Entweder geht der Name auf das Elternhaus "Zum Lüftl" des bedeutendsten Oberammergauer Malers dieser Kunst zurück, oder darauf, dass er seine Arbeit am Haus verrichtete, wenn draußen ein leichtes "Lüftl" wehte.
Kaum ein Name ist mit der Oberammergauer Lüftlmalerei so eng verbunden wie Franz Seraph Zwinck (1748–1792), geboren und gestorben im Ort. In einer vergleichsweise kurzen Schaffenszeit prägte er die Fassadenmalerei Oberammergaus und der umliegenden Orte entscheidend und machte sie weit über die Region hinaus bekannt. Seine Werke finden sich nicht nur in Oberammergau, sondern auch in Mittenwald und im weiteren Werdenfelser Land.
Das unbestrittene Hauptwerk Zwincks ist das Pilatushaus, mitten im Ort in der Ludwig-Thoma-Straße gelegen, schräg gegenüber dem Oberammergau Museum. 1784 schuf Zwinck hier die gemalte Scheinarchitektur, darunter auf der Gartenfront die eindrucksvolle Szene der Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus – daher der Name des Hauses. Die Malereien wurden im Lauf der Zeit mehrfach restauriert, unter anderem 1910 durch Franz Hartmann und 1960 durch Ludwig Magnus Hotter, sodass die heutige Fassade nicht mehr vollständig dem Originalzustand entspricht.
Eine Geschichte, die man kaum glauben mag: In den 1980er-Jahren stand das Pilatushaus tatsächlich vor dem Abriss – erst engagierte Bürgerinnen und Bürger verhinderten den Verlust und rückten damit auch Zwincks Werk wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein. Seit 1977 beherbergt das Haus die "Lebende Werkstatt", in der Besucher Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern direkt über die Schulter schauen können.
Das Pilatushaus hat übrigens noch eine zweite, weniger bekannte kunsthistorische Bedeutung: Die dort einst gezeigte Hinterglasbildersammlung inspirierte die Maler Wassily Kandinsky und Franz Marc, die 1912 gleich neun dieser Bilder in ihrem berühmten Almanach "Der Blaue Reiter" veröffentlichten. Die Originale sind heute im Oberammergau Museum zu sehen.
Nur wenige Schritte vom Pilatushaus entfernt, in der Ettaler Straße, liegt das ehemalige Forstamt – gleich drei Außenfassaden zieren Malereien von Zwinck, unter anderem Putten mit Jagdinstrumenten, die auf die frühere Nutzung des Gebäudes verweisen. Nur die Westfassade stammt aus jüngerer Zeit und wurde später von Franz Hartmann ergänzt.
Wer weiter durch den Ort schlendert, findet gegenüber dem Forstamt das Kölblhaus, unweit davon das Mußldomahaus am sogenannten "Lüftlmalereck" – ein Ortsteil, der seinen Namen buchstäblich der Kunstform verdankt – sowie das Dedlerhaus. Auch außerhalb des Ortskerns finden sich Werke Zwincks: das Schulmeisterhaus im benachbarten Unterammergau und das Jager-Anwesen in Bad Kohlgrub.
Die Tradition der bemalten Fassaden endete nicht mit Zwincks Tod 1792 – sie lebt bis heute fort, wenn auch mit gewandelten Motiven. Am Hänsel-und-Gretel-Heim entstanden die Malereien erst zwischen 1922 und 1925, am Rotkäppchenhaus sogar erst in den 1950er-Jahren. Statt biblischer Szenen erzählen diese jüngeren Beispiele Märchen – ein schöner Beleg dafür, wie sich eine jahrhundertealte Handwerkskunst immer wieder neu erfindet, ohne ihre grundlegende Technik zu verlieren.
Die schönsten Häuser lassen sich bequem zu Fuß in ein bis zwei Stunden erlaufen – ein idealer, kurzer Programmpunkt für einen Vormittag oder späten Nachmittag in Oberammergau. Startpunkt kann das Oberammergau Museum sein, direkt gegenüber dem Pilatushaus, von dort führt der Weg weiter zum Forstamt in der Ettaler Straße und zu den übrigen genannten Häusern. Museum, Passionstheater und die Tourist-Information halten einen kostenlosen Flyer mit Karte und Fragebogen bereit, der auf den Spuren Zwincks durch den Ort führt – ideal auch für Familien mit Kindern, die die Häuser spielerisch entdecken möchten.
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Quellen: Wikipedia (Franz Seraph Zwinck) · Ammergauer Alpen GmbH (Lüftlmalerei) · Oberammergau Museum (Pilatushaus und Hinterglasbildersammlung).